Leseprobe: Thriller – Tödlich ist die Versuchung

Samtrot_Tödlich-silber-Schatten‚Tödlich ist die Versuchung‘
Thriller, Gina Jacobsen

ab 13. Dezember erhältlich!

EIN VERFÜHRERISCHER THRILLER ÜBER LEIDENSCHAFT, VERRAT UND DIE SUCHE NACH DER GROSSEN LIEBE.
Emanuela Wolf versucht mit Hilfe des Beziehungscoachs Bernhard Rett ein schweres Trauma aufzuarbeiten, das durch den Tod ihres Bruders und den plötzlichen Verlust ihrer Jugendliebe ausgelöst wurde. Damit sie lernt, wie Männer eigentlich ticken, gibt ihr der Coach Hausaufgaben: sie soll unter seiner Regie verschiedene Männertypen verführen. Doch plötzlich stirbt eine Affäre nach der anderen. Emanuela weiß nicht, wem sie noch trauen kann. Ist Bernhard Rett, in den sie sich inzwischen verliebt hat, der Täter? Oder das nächste Opfer?


Leseprobe

Prolog

September 1999

Das EKG-Gerät piepte beruhigend, sein Herz schlug also noch. Peter atmete hörbar aus. Seine Augen waren geschlossen, der Geruch von Desinfektionsmitteln stieg ihm in die Nase. Sein Rücken schmerzte. Er musste seine Position ändern. Mit angespannten Muskeln gab er sich einen Ruck, um seinen Körper zu drehen, doch nichts geschah. Er versuchte es ein weiteres Mal. Sein Körper rührte sich nur wenige Millimeter. Peter fühlte sich wie ein hilfloser Käfer auf dem Rücken, der mit seinen Füßchen vergeblich in der Luft ruderte. Ein Käfer unter einer Glasglocke. Ein Käfer, der mit jedem Atemzug den Sauerstoff unter der Glocke verbrauchte. Das gewohnte bunte, wilde Leben mit Familie und Freunden spielte sich außerhalb dieses Zimmers ab, in dem er wartete. Wartete auf den Moment, da er wieder einer von ihnen sein konnte.
Seine Lider klebten aneinander und ließen sich nur mühsam öffnen. Er blinzelte. Sah sich verwirrt um. Statt der kargen Wände, deren Grauschattierungen er sich in den letzten Tagen vor Langeweile Zentimeter für Zentimeter eingeprägt hatte, sah er ein Meer aus Palmen. Hawaiiblumenketten hingen an den Wedeln. Nur Emi wusste von seinen Plänen. Das Piepen des EKG-Geräts beschleunigte sich. Peter lächelte. Er musste verdammt tief geschlafen haben, weil er diesen Zirkus nicht mitbekommen hatte. Er musste sie anrufen.
Er streckte seine Hand zum Telefon auf dem Nachtschränkchen aus, doch so leicht wie sonst wollte diese Bewegung nicht gelingen. Auf halbem Weg musste er seinen kraftlosen Arm ablegen. Himmel, Arsch und Zwirn, er würde das doch schaffen! Er atmete ein paar Mal tief ein und aus und versuchte es erneut. Nur zwei Zentimeter waren seine Fingerspitzen von diesem Ding entfernt, doch seine Muskeln reagierten nicht mehr. Verdammt! Peter presste die Lippen aufeinander und schluckte. Sein Hals war trocken wie Schmirgelpapier, seine Zunge pelzig, und er hatte einen fauligen Geschmack im Mund.
Noch nie hatte ihn eine Grippe so niedergestreckt, dass er deswegen im Krankenhaus gelandet war. Seit fast einer Woche lag er nun hier, und sein Zustand hatte sich um keinen Deut gebessert. Im Gegenteil. Peter ging es von Tag zu Tag schlechter. Einmal musste er es noch versuchen. Nur einmal. Mit zittrigen Fingern umklammerte er das Telefon. Doch seine Muskeln waren zu schwach, um es heranzuziehen.
Er gab auf und ließ den Arm liegen. Als er sich umsah, fiel ihm ein Detail ins Auge. Sie hatte wirklich an alles gedacht: Auf einer Palme neben seinem Bett baumelte eine Karnevalsmaske, die auf Die magischen Verführungskünste des Don Juan anspielte. Das war sein Thema für den Jugend-Speaker-Wettbewerb. Peter rechnete im Kopf nach. Zwei Wochen noch.
Er musste gewinnen. Den Wettbewerb. Und sie: Schneewittchen. Das Feuer, das wegen dieser Frau in ihm loderte, hatte ihn bis jetzt am Leben gehalten. Sie war der Grund, warum er sich mit Don Juan de Marco beschäftigte. Es hatte funktioniert. Er lächelte in sich hinein und hätte am liebsten mit den Fäusten auf seine Brust getrommelt: Aus dem armseligen Teenager, den die Mädels lauthals ausgelacht hatten, wenn er sich stammelnd mit ihnen unterhalten hatte, war ein Mann geworden, der Liebesbriefe in einem Heftordner sammelte. Nur Schneewittchen war gegen seinen Charme immun.
Er erinnerte sich an die unvergessliche Szene vom letzten Camping-Ausflug im Weinviertel. Es war, als wäre er in diesem Moment wieder dort. Im Wald. Der Reißverschluss vom Zelt surrte leise, als er ihn langsam öffnete, um sich nach draußen zu stehlen. Der bleiche Mond schob sich hinter den schwarzen Bäumen hervor und tauchte die Waldlichtung in weißes Licht. Die Grillen zirpten. Ein Käuzchen schrie in der Ferne. Die warme Sommerluft war so drückend, dass sich Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten. Er pirschte zum äußersten Zelt rechts, in dem Schneewittchen schlief. Ihre kohlschwarz gefärbten Haare lagen wie ein Fächer auf dem Kopfkissen. Die Lippen standen halb offen, und das Nachthemd war hochgerutscht. Die freigelegten Brüste leuchteten weiß im fahlen Mondlicht.
Es gab die Art, eine Frau zu berühren, die sie wie ein Dieb ihrer Schönheit beraubt, und es gab die schenkende Art, die die Schönheit einer Frau in einen Schatz verwandelt, den es zu schützen gilt, zitierte Peter im Geiste aus Douglas Carlton Abrams Roman Das geheime Tagebuch des Don Juan. Seine Hand fasste unwillkürlich an das Fliegengitter. Er hatte das unbändige Bedürfnis, Schneewittchens vernachlässigte Haut aus ihrem Schlummer zu befreien.
Peter schrak auf. Er war wohl kurz weggenickt. Das passierte ihm in den letzten Tagen ständig. Er konnte nicht einmal eine Stunde am Stück wach bleiben. Er musste durchhalten. Er wusste instinktiv, dass dies keine Grippe war. Es war … Bei dieser flüchtigen Idee piepte das EKG-Gerät wieder schneller. Nein! Er musste sofort den Arzt rufen! Aber wie sollte er den roten Knopf erreichen?
In diesem Moment öffnete sich die Tür.
»Du bist wach!«
Seine jüngere Schwester tanzte mit wehenden Haaren herein, ihre Sommersprossen glänzten im Licht der Neonröhre. Hinter ihr folgten ihre Eltern. Es war, als würden sie alle an Peters Kuppel klopfen, doch sie konnten ihn durchs Glas nicht erreichen. Er lag in diesem Bett, und sie waren draußen. Draußen, wo sich das Leben abspielte.
»Du hast mich nach Hawaii gebracht«, flüsterte Peter. Seine Pupillen drehten sich nach oben, und die Gedanken drifteten ins Leere.
»In zwei Wochen wirst du der Star des Abends sein«, hörte er die Stimme seiner Schwester. Ihre Worte klangen wie Vogelgesang in seinen Ohren.
»Vielleicht musst du diese Rolle für mich übernehmen«, erwiderte er.
»Du hast dich monatelang darauf vorbereitet, du wirst doch jetzt nicht aufgeben!«
Seine Schwester schwang sich auf den Sessel neben dem Bett.
»Welche Farbe siehst du heute in mir?«, fragte Peter.
»Rot, Bruder, Rot, wie immer«, erwiderte Emi.
Das sagte sie, um ihn aufzubauen. Er selbst würde sich eher die Farbe Schwarz geben, Schwarz wie der Umhang des Sensenmannes. Aber seine Schwester sah die Farbassoziation zu einem Menschen auf ihre eigene Weise.
»Wenn ich jemandem begegne, ploppt die passende Farbe in meinem Kopf auf«, war ihre Erklärung. Emi glaubte sogar, daran die Persönlichkeit eines Menschen zu erkennen.
Rot, Rot ist die Farbe eines Kämpfers. Rot ist das Leben. Rot. Blut. Feuer. Peters Gedanken verschwammen.
Seine Mutter stellte mit einem lauten Knall eine Blumenvase auf das Nachtkästchen und setzte sich an den Bettrand. Peter schreckte hoch.
»Wir haben einen Termin mit einer Koryphäe für morgen Vormittag vereinbart. Er wird nur für dich aus Innsbruck eingeflogen«, sagte sie.
Sein Vater zog quietschend einen Sessel heran. Wollten sie ihn mit dem Lärm wachhalten?
»Deine Freunde und ich haben für dich ein Baumhaus gebaut. In der verbotenen Eiche«, sagte sein Vater und lachte verhalten.
Jesses, jahrelang hatten sie ihn genervt, um in den heiligen Baum Bretter nageln zu dürfen. Nie hatte er es erlaubt. Und jetzt das! Peter lächelte in sich hinein. Er war achtzehn. Er betrachtete die Karnevalsmaske auf dem Palmwedel.
Seine Schwester erzählte, dass die Schule wieder angefangen hatte und seine Freunde ständig nach ihm fragten.
Wie aus dem Nichts redete Peter plötzlich wie ein Wasserfall. Er konnte nicht sagen, woher die Wörter und Gedanken kamen, und er wusste auch nicht, warum er sagte, was er sagte. Er redete der Reihe nach zuerst auf seine Schwester, dann auf seine Mutter und zum Schluss auf seinen Vater ein. Sobald er einen Satz gesagt hatte, vergaß er ihn auch wieder, und der nächste sprudelte aus ihm heraus.
Dann fiel ihm der Gedanke von eben wieder ein, kurz bevor seine Familie das Zimmer betreten hatte.
»Ich möchte den Wettlauf gegen die Zeit gewinnen. Und dazu brauche ich eure Hilfe«, wechselte er das Thema.
Seine Mutter presste die Lippen aufeinander.
Es schmerzte Peter, wie hilflos seine Familie dieser Situation gegenüberstand. Nun würde er ihnen einen Anhaltspunkt liefern, an den sie und vor allem er selbst sich klammern konnten. Sie mussten etwas unternehmen! Bevor es zu spät war!
Regen trommelte ans Fenster, als wollte er Peter vor etwas warnen. Das Pfeifen des Sturms übertönte kurz das piepende EKG-Gerät. Über dem Gebäude von gegenüber konnte Peter ein Stück vom Himmel sehen. Der Kontrast der schwarzen Wolken zur grauen Betonwand ließ die Mauer hell erstrahlen. Peter schloss die Augen. Es fühlte sich an, als würde ihn das Licht in sich hineinsaugen.
Das Klatschen einer Hand auf seiner Wange klang wie das Zerbrechen eines trockenen Astes und brachte ihn wieder ins Krankenzimmer zurück. Es war so schön gewesen. Friedlich. Peter lächelte. Dann sah er die aufgerissenen Augen seiner Eltern.
»Was meintest du vorhin, wir sollen dir helfen?«, fragte seine Mutter.
»Ich … Ich bin … Mich hat …«
Verdammt, wie schwer konnte es sein, einen Satz Wort für Wort auszuspucken? Es war … Ein Lichttunnel schlängelte sich aus der grauen Betonwand und umhüllte ihn wie ein Wattebausch. Im Hintergrund hörte er einen lang gezogenen Piepton und schreiende Menschen. Das gleißende Licht trug ihn davon. Weg von dieser Erde.

1

Mai 2017

Eine Affäre ist wie das Leben einer Eintagsfliege: Mit dem ersten Atemzug steht der Zeitpunkt ihres Todes schon fest.
Emanuela Wolf betrachtete die goldenen Ziffern auf der Hotelzimmertür. Nummer 13. Vom oberen Bogen der Drei war seit dem letzten Mal etwas Farbe abgesplittert, da musste ein schwerer Gegenstand vorbeigeschrammt sein. Emanuelas Herz pochte in der Brust, als sich die Tür öffnete. Es war das letzte Mal, dass sie Matteo sehen würde, und der Abend sollte etwas Besonderes werden. Nicht für ihn. Aber für sie. Matteo – Farbe Ockergelb – starrte sie verwundert an. Dabei hatte er sie doch hergebeten.
»Emanuela«, sagte er in einem Tonfall, der sie zusammenzucken ließ. Ihren Namen auf diese gefühlvolle Weise auszusprechen, stand ihm nach fünf Treffen nicht zu. Beim nächsten Mann würde sie sich einen anderen Namen geben. Rafaela gefiel ihr.
Matteo sah sie an, neben seinen Augen bildeten sich Lachfältchen. Seine feuchten Haare standen wild in alle Richtungen ab. Er schien in Kölnisch Wasser gebadet zu haben. Die süßliche Wolke hing wie ein unsichtbarer Vorhang im Flur. Emanuela atmete durch den Mund, um sich langsam an den Geruch zu gewöhnen.
Matteo half ihr aus dem Mantel und hängte ihn an den Garderobenhaken. Sie strich ihr rotes Seidenkleid glatt und wollte sich zu ihm umdrehen, doch Matteo umarmte sie von hinten und drückte seinen erigierten Penis an ihr Gesäß. Seine Hände wanderten über ihre Brüste, weiter nach unten und streiften ihr Kleid hoch. Nicht so flink, Jüngelchen! Heute spielen wir nach meinen Regeln.
Emanuela drehte sich um und blickte zu ihm auf. Aus seinen Augen sprach Erregung. Sein Mund wanderte zu ihrem, sie drehte ihr Gesicht zur Seite.
»Was ist los?«, fragte er und packte ihren Nacken.
Emanuela lächelte ihn an.
»Heute Nacht«, sie warf ihren Kopf nach hinten, »berühr mich bitte so, als wäre ich eine Frau, die dir seit Jahren schlaflose Nächte bereitet, weil du ständig an ihr Lächeln denken musst. Eine Frau, die du so sehr begehrst, dass dir in ihrer Gegenwart der Atem stockt. Eine Frau, die du nie haben konntest.«
Emanuela öffnete ihre Haare und ließ sie über ihre Schulter fallen. »Bis jetzt.«
»Was zum Teufel …« Matteo wollte sich abwenden.
»Psst.« Emanuela hielt ihn an der Schulter fest und legte einen Finger auf seine Lippen. »Nur diese eine Nacht. Morgen fliegst du nach England zurück, und du siehst mich nie wieder.«
Sie öffnete ihre Handtasche und holte zwei Augenbinden heraus.
»Du musst mich dabei nicht einmal ansehen. Nur fühlen.«
Matteo schwieg.
Emanuela entwand sich ihm, warf die beiden Augenbinden in hohem Bogen aufs Bett und ging zum Fenster. Auf dem Weg streifte sie das rote Kleid ab. Sie trug nichts außer Netzstrümpfen und schwarzen Strumpfbändern. Die roten High Heels behielt sie an und blickte nach draußen. Im fahlen Licht, das die beleuchteten Wohnungen in den nächtlichen Innenhof warfen, breitete ein Kastanienbaum seine Äste aus. Vor ihrem geistigen Auge sah Emanuela zwei Eichhörnchen, die sich gegenseitig jagten. Deren flauschiges Fell erinnerte sie an das Gefühl von samtweichen Händen auf ihrer Haut. Jemand, der sie mit jeder Zelle seines Körpers berührte. Wie sehr sehnte sie sich danach, war es ihr doch inzwischen achtzehn Jahre verwehrt geblieben.
Der Geruchspegel des Kölnisch Wassers wurde intensiver, als Matteo hinter Emanuela trat. Er streifte ihre Haare zur Seite und küsste ihren Nacken. Es fühlte sich an, als würde eine Feder über ihre Haut gleiten. Genauso hatte sie sich das vorgestellt. Sie legte den Kopf zur Seite. Seine Fingerspitzen wanderten über ihren Rücken. Langsam drehte sie sich zu Matteo um. Er war nackt, reichte ihr die Augenbinde und streifte sich seine über. Emanuela tat es ihm gleich. Ihre Lippen öffneten sich automatisch. Wartend. Doch Matteo hob sie hoch, legte sie aufs Bett und sich daneben. Sein nackter Körper presste sich an ihren. Sie spürte seinen erigierten Penis an ihrem Oberschenkel, und seine Hände wanderten zu ihrem Busen. Langsam!
Sie flüsterte: »Jahrelang hast du dich nach dieser Frau verzehrt. Jetzt gibt sie sich dir hin, jeden Zentimeter ihres Körpers willst du erkunden, jedes Härchen auf ihrer Haut küssen.«
Emanuela schob seine Hände von ihren Brüsten. Matteo wälzte sich auf sie, streckte ihre Arme über ihrem Kopf aus und küsste ihre Achselhöhlen. Seine Lippen wanderten über ihre Unterarme zu ihren Fingern. Der Reiz gelangte bis zur inneren Barriere, die Emanuela wie einen Schutzwall um ihr Herz aufgebaut hatte. Was dahinter lag, hatte bis jetzt nur ein einziger Mann gesehen.
Matteo küsste ihre Stirn, ihren Mund, ihren Hals, ihre Brustansätze. Seine Hände streiften über ihre Hüften. Ein herrliches Zucken durchzog Emanuelas Unterleib. Eine Erinnerung stieg in ihr auf: Es roch nach Sommerwiese. Schmetterlinge flogen über die blühenden Blumen. Da war eine Hand, die ihre hielt, ein Lachen, das erwidert wurde, weit her, aus ferner Zeit. Rasmus. Wie sehr sie ihn geliebt hatte.
Emanuela fasste in Matteos Haare, als wären es seine. Auch der Körper fühlte sich an, als wäre es seiner. Er drang in sie ein. Ihre Leiber verschmolzen wie Geige und Bogen, die wilde, feurige Töne spielten. Es war wie ein Tanz. Emanuelas Finger krallten sich in den muskulösen Rücken. Die Fanfaren setzten ein, Trommelwirbel erklang. Wie eine tosende Welle rollte das symphonische Orchester seinem Höhepunkt entgegen. Es war, als hätte sie den Himmel berührt.
Matteo sackte über Emanuela zusammen. Ihre schweißnassen Körper blieben eine Weile reglos übereinander liegen, bis er sich zufrieden von ihr wälzte und ins Bad ging.
»Wenn du das Richtige tust, spürst du instinktiv, dass es das Richtige ist«, sagte eine Männerstimme.
Emanuela schrak hoch und streifte ihre Augenbinde ab. Matteo hatte anscheinend den Fernseher angeschaltet. Bernhard Rett, der wegen seiner fragwürdigen Methoden derzeit meistdiskutierte Beziehungscoach, starrte sie aus dem Bildschirm an. Farbe Rot. Emanuela fühlte sich beobachtet und zog das Leinentuch über ihren nackten Körper.
»Woran kann ich erkennen, ob dieser Mann genauso stark für mich empfindet wie ich für ihn?«
Das gesamte Fernsehstudio wurde sichtbar. Die Stimme gehörte einer molligen Mittdreißigerin, die dem Coach gegenübersaß. Farbe Grau.
»Seid ihr in einer Beziehung?«, fragte Rett.
Die Frau schüttelte den Kopf. »Er will sich noch nicht festlegen und scheint wie alle Männer unter Bindungsangst zu leiden.«
Sie lachte verhalten und wischte sich einen nicht vorhandenen Fussel von der olivgrünen Jacke. Emanuela betrachtete es als Hohn des Schicksals, dass ihr genau diese Sendung präsentiert wurde. Sie verzog den Mund.
Die Frau sagte: »Wir treffen uns jetzt schon seit zwei Monaten, aber ich bin mir nicht sicher … Woran erkenne ich, ob er es ernst mit mir meint?«
Wer stellte sich freiwillig so zur Schau? Wahrscheinlich Menschen, die sich eine private Sitzung bei diesem Coach nicht leisten konnten.
Rett betrachtete die Frau prüfend und fragte: »Über was sprecht ihr, wenn ihr zusammen seid? Eher über oberflächliche Themen oder über tiefgründige Dinge?«
»Seine drei Rottweiler und Filme. Ja, wir unterhalten uns über Filme.«
»Hast du seine Eltern kennengelernt?«
»Alles von Wert braucht Zeit.«
»Stellt er dich seinen Freunden vor?«
Die Frau schüttelte den Kopf.
Rett setzte nach: »Vereinbart er eure Treffen längere Zeit im Voraus, oder ruft er dich kurz vor Mitternacht für eine schnelle Nummer an?«
»Er mag meine Kurven. Am liebsten nackt.«
»Ist er nur an Treffen mit Sex interessiert? Zum Beispiel DVD-Abende, wo die Lage auf der Couch gleich stimmt?«, fragte Rett und fügte noch hinzu: »Erklärt er dir, dass er derzeit keine Beziehung will oder über seine Ex noch nicht hinweg ist?«
»Die Ex hat er in der Tat mal erwähnt.« Die Frau kratzte sich am Kopf.
»Wenn ich es so direkt sagen darf«, Bernhard Rett übte sich in einem professionellen Grinsen, »er scheint dich als Sexkandidatin zu sehen. Und bist du einmal in dieser Schublade, ist die Chance gleich null, dass du zur Beziehungskandidatin erhoben wirst.«
Emanuela konnte es nicht fassen. Diesem Kerl schien es stark an Empathie zu mangeln. So ein Quacksalber! Wurde wohl auch nur von Fernsehshow zu Fernsehshow gereicht, weil die Frauen bei seinem Anblick schwach wurden und er mit seiner provokativen Therapiemethode Quoten brachte.
Nahaufnahme.
Bernhard Retts Augen starrten Emanuela an.
Durch ihre Barriere hindurch.
Direkt in ihr Herz hinein.
Gänsehaut lief über ihre Unterarme. Sie schluckte. Es war Zeit, zu gehen.

2

»Im Jahr 1965 hat Stanley Milgram das umstrittenste sozialpsychologische Experiment über Gehorsam durchgeführt. Er wollte herausfinden, wie man normale Menschen dazu bringen kann, sich Autoritäten willenlos zu beugen.«
Emanuela Wolf klammerte sich an das Rednerpult und starrte auf das Manuskript. Der folgende Satz war fast nicht lesbar. Sie räusperte sich und blickte auf die Armbanduhr. Zehn Minuten noch. Aus dem Augenwinkel sah sie die leuchtenden Farben des Blumenstraußes, den sie in einer Vase neben sich gestellt hatte, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken.
Die etwa hundert Psychologiestudenten im Saal waren mucksmäuschenstill und warteten darauf, dass sie weitersprach. Die Stille war unerträglich. Das Herz pochte in Emanuelas Brust. Ihr Gesicht brannte. Seit neun Jahren arbeitete sie nun schon in der wissenschaftlichen Forschung für Sozialpsychologie, aber vor Publikum zu sprechen, kostete sie immer noch Überwindung. Keiner der Rhetorikkurse hatte etwas gebracht.
»Und was passierte in diesem Experiment?«, fragte ein Student aus der ersten Reihe.
Gelächter breitete sich im Saal aus. Emanuela spürte, wie sie rot wurde. Ihre Gedanken rasten. Der Satz war inzwischen nicht lesbarer geworden. Vielleicht konnte sie ihn einfach überspringen. Mit dem Finger suchte sie im Manuskript einen Anhaltspunkt. Sie zwang sich eisern dazu, ruhig zu bleiben, und dachte an ihren Bruder. Peter, bitte hilf mir, flehte sie innerlich. Er hätte diese Situation souverän gemeistert. Dann fand sie den Faden wieder.
»Stanley Milgram hat 2000 Versuchspersonen getestet. Er hat ihnen gesagt, er wolle herausfinden, wie Bestrafung das Gedächtnis beeinflusst. Dazu teilte er die Versuchspersonen in Schüler, Lehrer und Aufseher als Autoritätspersonen ein. Der Schüler sollte sich Wortpaare merken, die der Lehrer vorgab. Wenn der Schüler einen Fehler machte, verpasste der Lehrer ihm einen Stromstoß, beginnend mit 15 Volt, bei jedem Fehler wurden es mehr. Die Schüler waren in Wirklichkeit Schauspieler, und sie bekamen auch keine Stromschläge, sondern taten nur so. Das wussten die anderen Versuchspersonen aber nicht.« Emanuela merkte, dass ihre Stimme zitterte. Sie presste die Hände auf das Pult, um deren nervöse Unruhe zu stoppen. »Einige Lehrer wollten den Versuch abbrechen, weil sie den Schüler nicht weiter quälen wollten, doch der Aufseher ermutigte sie, weiterzumachen. Fast zwei Drittel verabreichten dem Schüler die vollen 450 Volt, auch wenn das hätte tödlich sein können. In der nächsten Stunde geht es darum, welche Faktoren für blinden Gehorsam ausschlaggebend sind. Danke!«
Emanuela atmete erleichtert aus. Geschafft!
Wie ein fernes Donnergrollen verebbte der Klang von hundert Fingerknöcheln auf den Studentenpulten im Auditorium maximum. Emanuela strich ihr weißes Leinenkostüm glatt, packte ihre Vorlesungsunterlagen in die Tasche, nahm die Vase mit dem bunten Blumenstrauß vom Podium und verließ den Hörsaal.

Im Psychologieinstitut angekommen, das sich in der Straße direkt hinter dem Hauptgebäude befand, stöckelte sie den langen Gang zum Aufenthaltsraum entlang. Ihre Schritte auf dem Marmorboden hallten von den hohen Wänden wider. Wie ein Echo aus längst vergangener Zeit, das nie verstummen würde.
Als sie den Aufzug passierte, öffneten sich dessen Türen. Ein Techniker der Universität Wien trat heraus. Der Mann zuckte zurück, als er Emanuela sah, dann grinste er. Farbe Schwarz. Nichts wie weg hier! Der anzügliche Blick über ihren Körper wurde von mehrmaligem Lecken über seine spröden Lippen begleitet. In seinen Augen glomm Lust. Emanuela ging weiter.
Der Techniker holte auf und brummte ein »Hallo«. Sein Oberkörper war nach vorne geneigt, als kämpfe er gegen starken Wind an. Sie nickte zum Gruß und beschleunigte ihren Schritt. Nur keine Konversation. Dann klingelte ihr Telefon in der Handtasche.
Emanuela nahm ab.
»Ja«, sagte sie außer Atem und eilte weiter.
Der Techniker bog glücklicherweise links ab, Emanuela sah ihn aus dem Augenwinkel kurz winken, bevor er davontrabte.
»Hola! Como estás? Wann treffen wir uns morgen?«, fragte ihre Mutter.
»Hola mamá, ich …« Emanuela überlegte. Morgen war Samstag.
»Du hast es doch nicht vergessen?«
Einen Moment lang hing bedeutungsschwere Stille in der Leitung.
»Was sollte … Oh, nein! Natürlich nicht! Treffen wir uns direkt am Zentralfriedhof?«
Ihre Mutter seufzte. »Elf Uhr?«
Emanuela legte auf. Mit erdrückender Klarheit tauchte vor ihrem geistigen Auge der schwärzeste Moment ihres Lebens auf. Sie presste die Lippen aufeinander, packte das Handy weg und öffnete die Tür des Aufenthaltsraums betont schwungvoll, um das beengende Gefühl loszuwerden. Der Luftzug zwischen offenem Fenster und Tür strich über ihre Wangen und wehte ihr Haar nach hinten. Das fühlte sich für den Bruchteil einer Sekunde befreiend an.
Gwendolyn Mayer kochte an der Küchenzeile Kaffee und schrak zusammen.
»Ach, du bist es.«
»Was für eine herzliche Begrüßung! Ich freue mich auch, dich zu sehen.«
Emanuela stellte den Blumenstrauß geräuschvoll auf den Tisch. Gwendolyn zog sichtbar den Bauch ein, um auf ihren Diäterfolg aufmerksam zu machen. Emanuela musterte sie, gab aber keinen anerkennenden Kommentar von sich. Das hatte sie in den letzten Tagen schon zur Genüge getan, irgendwann reichte es. Gwendolyn gab das schweigsame Betteln um Lob auf und rückte ihre Hornbrille zurecht.
Sie stutzte. »Du bist ja bleich wie die Wand!«
»Hast du eine Tasse Kaffee für mich? Die habe ich nach der Vorlesung dringend nötig.«
Das Wort »Vorlesung« zog Emanuela in die Länge und verdrehte dabei die Augen. Sofort dachte sie an diesen peinlichen Moment. Sie hatte es wieder einmal geschafft, sich perfekt vor den Studenten zu blamieren.
»Ich wäre gerne Professorin«, unterbrach Gwendolyn Emanuelas Gedanken.
»Von welchem Verehrer hast du diese Blumenwiese bekommen?«, hakte sie nach.
Eine Wimper kratzte in Emanuelas Auge. Sie ging zum großen Spiegel neben der Küchenzeile. Als sie sich selbst sah, hielt sie einen Augenblick inne. Eine Fremde schien vor ihr zu stehen. Die Frau im Spiegel wirkte selbstbewusst, doch im Inneren sah es ganz anders aus. Emanuela fuhr mit einer Hand durch die langen kastanienbraunen Haare. Der rote Lippenstift wirkte fast aggressiv, aber immerhin passte er perfekt zu den neuen High Heels, die sie auch schon gestern Abend bei Matteo getragen hatte. Das Pendant dazu war das unschuldige weiße Leinenkostüm.
Emanuela wandte sich der störenden Wimper zu und sagte währenddessen: »Hast du dich da draußen auf den Straßen schon einmal genauer umgesehen?«
Sie riss das abstehende Härchen aus, schenkte ihrem Spiegelbild ein schiefes Lächeln und setzte sich anschließend an den Gemeinschaftstisch.
»Alles grau in grau. Graue Gesichter. Graue Sorgenfalten auf der Stirn, graue Mundwinkel, die sich der Schwerkraft nicht widersetzen können und dem grauen Asphalt entgegenhängen. Dann erwarten dich graue Häuser, graue Autos, graue …«
Gwendolyn stellte eine Kaffeetasse vor Emanuela und setzte sich ihr gegenüber.
»Ich fang gleich an zu heulen.« Sie betupfte ihre staubtrockenen Augenwinkel, dann lachte sie.
Emanuela fuhr unbeirrt fort. »Welche Farben siehst du in diesem Raum?«, stellte sie die rhetorische Frage und beantwortete sie anschließend gleich selbst. »Die Wände sind grau. Die Küchenzeile ist grau, der Boden ist grau.« Sie machte eine Pause. »Die Menschen verkaufen ihre Seele an den Teufel. Rackern bis zum letzten Tag, ohne je mit dem Leben begonnen zu haben. Ich möchte wild und verrückt sein und mit einem Glas Prosecco in der Hand laut ›Juhu, war das Leben schön!‹ rufend ins Grab schlittern. Und dafür habe ich jetzt einen Anfang gemacht. Symbolisch habe ich mir heute die Blumen gekauft und trage sie von Raum zu Raum. Um Farbe in mein Leben zu bringen.«
Emanuela nahm einen Schluck Kaffee.
»Danke!«, sagte sie und zeigte auf die Tasse.
Gwendolyn lachte laut. »Während du dich von Fortunas zarten Händen massieren lässt, habe ich nicht einmal eine Feder aus ihrer Hutdekoration abbekommen.«
Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, sagte sie: »Du hast in Mindestzeit studiert, anschließend eine Doktorandenstelle hier in Wien angenommen, warst vier Jahre auf Berkeley und dann kommst du zurück, wirst wie eine Königin hofiert, Frau Dr. Wolf hier, Frau Dr. Wolf da. Hast die Forschungsrichtung Gegengeschlechtliche Anziehung von den Vereinigten Staaten mitgebracht und freie Hand, was deine Forschungsthemen betrifft, hast in Zeitschriften wie Science oder Nature publiziert, und …« Gwendolyn strich mit den Fingern durch ihre strohigen Haare und versuchte vergeblich, sie in Form zu bringen. »Entschuldigung, eines habe ich noch vergessen: Du siehst dazu noch wie die hübschere Schwester von Penelope Cruz aus.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich sitze in der Postdoc-Stelle, deren Vertrag in einem Jahr abläuft, und was danach passiert, ist wahrscheinlich noch nicht einmal in den Sternen zu lesen.«
»Ich weiß, ich klage auf hohem Niveau. Aber irgendetwas in meinem Leben muss sich verändern. Beruflich wird viel von mir erwartet, und mein Privatleben verwandelt sich in eine Wüstenlandschaft.«
Emanuela seufzte und sah auf die Uhr. Sie trank die Kaffeetasse in einem Zug leer und stand auf. »Da die Teleportation noch nicht erfunden wurde, muss ich jetzt los.«
Gwendolyn schaute aus dem Fenster.
»Ich war gestern bei Bernhard Rett.«
Verwundert setzte Emanuela sich wieder. Für diese Neuigkeit musste noch kurz Zeit sein.
»Er meinte, es wäre vergeudete Zeit, Flaubert zu bekochen, ihn zu unterhalten und ihm jedes Mal mit neuen Dessous aufzuwarten.«
Gwendolyn schob ihre Hornbrille hoch und sah Emanuela an. »Bei einer Frau wie dir ist Königin zu sein das Geburtsrecht. Aber bei einer wie mir … Wenn ich mich nicht in Szene setze, bemerkt mich ja niemand.«
»Was eindeutig ein Verlust für die Männerwelt ist. Wie viel hat Rett dir für diese wertvolle Information abgeknöpft?«
»Dreihundert. Ein Mann muss jagen. Auch heutzutage noch. Rett meinte, ich hätte mich bei Flaubert selbst in die Kategorie Sexkandidatin eingeteilt.«
»Dreihundert Euro!« Emanuelas Stimme überschlug sich. »Und das war alles, was er dir als Gegenleistung geboten hat?«
»Ich bin nicht der Typ Frau, um den Männer kämpfen«, sagte Gwendolyn. »Rett meint, ich kann meine natürliche Schönheit zum Strahlen bringen. Soll mir die Haare wachsen lassen, sie rot färben. Das würde meine kaffeebraunen Augen zur Geltung bringen. Und ich werde es mal mit Kontaktlinsen versuchen.«
»Das könnte dir in der Tat sehr gut stehen.«
Emanuela kniff die Augen zusammen und stellte sich ihre Kollegin nach der Verwandlung vor.
Gwendolyn schüttelte den Kopf. »Schönheit … Ich werde nicht schöner, nur weil ich mir einbilde, ich wäre es.« Gwendolyn hustete. »Aber vielleicht ist seine Strategie trotzdem einen Versuch wert.«
»Dieser Coach war Kellner und zieht sein Wissen aus den Beziehungsgesprächen, die er mit seinen angetrunkenen Gästen zu später Stunde an der Bar geführt hat. Das habe ich bei meinem letzten Zahnarztbesuch in einer Klatsch-Zeitschrift gelesen«, gab Emanuela zu bedenken. »Grundsätzlich finde ich gut, dass du dir wegen Flaubert Unterstützung suchst. Aber ich würde dir empfehlen, Retts Ratschläge kritisch zu hinterfragen, bevor du sie allzu wörtlich nimmst.«
»Er ist Hypnose-Therapeut.«
Gwendolyn trank ihre Kaffeetasse leer und stellte sie geräuschvoll ab.
»Er soll sehr manipulativ sein.« Emanuela stand auf. »Pass auf, dass du dich nicht in ihn verliebst. Wir sehen uns am Montag.«

Emanuela parkte ihren roten Audi A4 unter der Bahnbrücke an der Oberen Alten Donau – zehn Minuten von Alexas Haus entfernt –, weil sie sich noch die Beine vertreten wollte. Sie spazierte entlang des stillgelegten Flussarmes. Nur ein paar Hundehalter und Radfahrer kamen ihr auf der Uferpromenade entgegen. Ausladende alte Bäume spendeten Schatten vor der sengenden Sonne, die für Anfang Mai untypisch war. Die Natur blühte und wucherte in allen Farben, und durch das dichte Buschwerk am Wegrand glitzerte das Wasser. Emanuela schloss für einen Moment die Augen und sog die Luft durch die Nase ein. Es roch nach frisch gemähtem Gras.
Sie ging durch eine Baumgruppe zum Wasser. Algen wiegten sich in der leichten Strömung und reckten ihre Hälse der Sonne entgegen. Ein Tretboot mit drei biertrinkenden, grölenden Jugendlichen fuhr vorüber. Emanuelas Blick fiel auf die Rückenlehne einer Holzbank, auf der ein vergilbter Sticker klebte. Der Werbeslogan erregte ihre Aufmerksamkeit. Frag einen Mann, wenn es um Männer geht. Emanuela trat einen Schritt näher. Der Name des Werbenden war nicht mehr lesbar. Sie googelte auf ihrem Smartphone die Nummer. Bernhard Rett.
Emanuela lachte kurz auf. Warum der schon wieder? War das ein Zeichen? Gänsehaut lief über ihren rechten Unterarm. Das war normalerweise ein Anzeichen dafür, dass ihre Vermutung richtig war. Sollte sie einen Termin mit Rett vereinbaren? Dreihundert Euro konnte sie auch gut anderweitig nutzen. Aber was, wenn sie nur einmal hinging? Zumindest, um sich seine fragwürdigen Therapiemethoden anzusehen? Was würde er bei ihr vorschlagen? Bei der Frage beschleunigte sich ihr Herzschlag. Sie strich mit einem Finger über den Sticker und blickte anschließend aufs Wasser. Eine Krähe schrie im Baum über ihr. Sie als Psychologin war in der Lage, ihn herauszufordern. Dann könnte sie den anderen Frauen raten, sich das Geld für diesen Coach zu sparen.
Emanuela wählte seine Nummer. Bernhard Rett nahm erstaunlicherweise gleich ab. Seine Stimme war beruhigend, der hypnotische Ton sollte wohl das Gefühl vermitteln, dass die Klienten bei ihm gut aufgehoben waren. Glücklicherweise hatte gerade jemand kurzfristig abgesagt, und sie bekam einen Termin für Anfang kommender Woche. Sie brauchte sowieso eine Wende in ihrem Leben. Von Montag bis Freitag war sie in der Universität, um mit ihren Studenten Forschung zu betreiben, sich von Vorlesung zu Vorlesung zu hangeln, Presseberichte zu verfassen, Artikel über die Forschungsergebnisse zu veröffentlichen, von Kongress zu Kongress zu pendeln. Sie lebte nur im Kopf. Es war Jahre her, seit sie auf ihrer spanischen Gitarre gespielt hatte, und noch viel länger lag die Zeit zurück, da sie zu lateinamerikanischer Musik getanzt hatte. Ihr Leben musste bunter werden. Sinnlicher. Und irgendwo musste sie mit der Veränderung schließlich beginnen.
Emanuela lief weiter zu dem Haus ihrer Freundin, die in der Siedlung direkt hinter der Alten Donau wohnte.

Im Garten schwebte ihr Alexa entgegen, als wäre sie nicht von dieser Welt. Farbe Eisblau. Emanuela kannte keinen Menschen, der wie sie wirkte: Mit ihren blonden, perfekt geglätteten Haaren und dem Porzellangesicht strahlte sie Zerbrechlichkeit aus, aber die Augen sprachen eine andere Sprache. Die dunkelblaue Iris erinnerte an die Tiefsee und schien ihr Gegenüber auszuhöhlen.
Alexa umarmte Emanuela einen Augenblick lang so fest, als wollte sie sie nie wieder loslassen. Und wie immer schob sie Emanuela irgendwann impulsiv von sich.
In dem Moment trat Brigitta, die dritte Freundin im Bunde, aus der Terrassentür und umarmte Emanuela lachend. Ihr rotgelocktes Haar umrahmte ihr Gesicht wie ein Heiligenschein. Der rote Lippenstift war wie immer deutlich über den Lippenrand hinausgemalt. Diesmal trug Brigitta ein pink-oranges Sommerkleid und giftgrüne Schnürschuhe. Sie sorgte jedes Mal für ein farbliches No‑Go. Farbe Bunt auf schwarzem Hintergrund.
»Kommt nach hinten«, forderte Alexa sie auf.
Emanuela und Brigitta folgten ihr.
»Johannes kommt erst später.« Alexa deutete ein Lächeln an. Am Gartentisch füllte sie Henkell Trocken in drei Sektgläser, die mit Minzblättern und Holundersaft vorbereitet waren.
Brigitta schnappte sich den Föhn und blies Luft in die glühende Grillkohle. Damit verursachte sie allerdings eine so starke Rauchwolke, als hätte sie den Tank eines Autos in Brand gesetzt.
Emanuela hustete.
Alexa rief: »Kannst du den Rauch nicht in die andere Richtung blasen?«
»Oh, Entschuldigung«, sagte Brigitta.
Emanuela setzte sich und schnitt die geschälten Kartoffeln in Scheiben. Auf dem Tisch waren so viele Würstchen, Koteletts und Salate angerichtet, als hätte Alexa noch drei weitere Personen eingeladen.
Der Abend begann wie immer. Schmausend, sekttrinkend und lachend erzählten sie sich gegenseitig, was sie in letzter Zeit erlebt hatten und was ihnen auf der Seele brannte.
Brigittas kolumbianischer Ehemann war vor ein paar Monaten in Cartagena – wo die beiden bis dahin auch gelebt hatten – von einem Drogenbaron erschossen worden. Nun hatte es Brigitta wieder nach Wien verschlagen, und sie war auf der Suche nach einem neuen Lebensweg. Sie wollte das Wissen, das ihr von Schamanen aus der Verlorenen Stadt in der Sierra Nevada de Santa Marta vermittelt worden war, in eine Energetiker-Ausbildung packen und Seminare anbieten.
»Und davon kann man leben?«, fragte Alexa.
Brigittas verhaltenes Lächeln genügte als Antwort. Ihr Ehemann hatte so viel Geld hinterlassen, dass sie wahrscheinlich den Rest ihres Lebens nie wieder arbeiten musste.
»Ich habe beschlossen, einen Erotikthriller aus der High Society zu schreiben«, sagte Alexa. »Und drei Tage, nachdem ich Johannes davon erzählt habe, erwische ich ihn dabei, wie er mein Handy durchsucht. Er wollte wissen, ob ich eine Affäre habe und deshalb das Buch schreiben will. Johannes ist plötzlich so misstrauisch.«
Sie lachte gepresst.
»Und? Hast du eine Affäre?«, fragte Brigitta.
Alexa schüttelte den Kopf und schaute zur Terrassentür.
»Wenn man vom Teufel spricht …«
Emanuela und Brigitta drehten sich um. Johannes stand mit versteinertem Gesicht da, als wäre er oben und unten in der Tür verankert. Der Effekt wurde durch seine Größe von fast zwei Metern noch verstärkt. Farbe Pechschwarz.
»Ich wusste gar nicht, dass ihr euch hier trefft.«
Er verschränkte seine Arme und präsentierte einen Dolch aus Unterarmmuskeln.
»Ich habe Steak für dich vorbereitet«, sagte Alexa.
Zögernd kam er zum Tisch und drückte Alexa einen Kuss auf die Wange. Sein Blick flatterte flüchtig zu Emanuela und anschließend zu Brigitta, gefolgt von einem kurzen Nicken, was mit wohlwollender Fantasie als Gruß interpretiert werden konnte.
»Ich lasse euch besser allein.«
Er versuchte zu lachen, musste aber stattdessen husten. Dann verschwand er wieder im Haus. Die Kopfhaut glänzte von hinten durch seinen spärlichen Borstenschnitt.
»Wo gehst du hin?«, rief Alexa ihm nach.
»Gleich um die Ecke. Restaurant Neu Brasilien«, kam es von drinnen. Dann krachte die Tür ins Schloss.
»Habt ihr gestritten?«, fragte Brigitta.
»Er meint, mein Erotikthriller könnte seinem Ruf schaden«, erwiderte Alexa und zuckte mit den Schultern.
Emanuela durchbrach die unangenehme Stille.
»Ich habe einen Termin bei Bernhard Rett vereinbart.«
»Du hast was?« Alexa stand etwas zu heftig auf und stieß gegen den Tisch, sodass die Gläser klirrten. »Mag noch jemand etwas Gegrilltes? Sonst lösche ich die Kohlen.«
Nachdem Brigitta und Emanuela verneint hatten, schüttete Alexa Wasser auf die Glut, die zischend verdampfte.
»Das ist doch der Typ, um den gerade so ein Hype gemacht wird. Schlägt mit seinem Halbwissen aus seiner Kellnerzeit Profit«, sagte Brigitta und rümpfte die Nase.
Als sich Alexa wieder zu ihnen gesellt hatte, fuhr Emanuela fort: »Ich möchte wissen, mit welcher unmöglichen Methode er mich therapieren wird. Als Psychologin kann ich ihn herausfordern.«
»Das Geld kannst du dir sparen. Ich habe ihn vor ein paar Monaten interviewt und kann dir die Aufzeichnung des Gesprächs geben«, bot Alexa an.
»Schade deinem Ruf als Wissenschaftlerin nicht, indem du dich in dieser Schmuddelecke niederlässt!« Brigitta schüttelte den Kopf und schenkte sich Sekt nach. »Ich fasse es nicht. Das ist die allerblödeste Idee, mit der du uns je überrascht hast.«
»Und Alexas Erotikthriller setzt sie nicht in eine Schmuddelecke? Sie ist eine angesehene Journalistin«, sagte Emanuela.
»Ich bin Klatschreporterin.« Alexa strich ihr perfekt sitzendes Kostüm zurecht.
Brigitta räusperte sich. »Von Rett bekommst du Hausaufgaben. Bevor du dich versiehst, wälzt du dich durch Männerbetten, um deinen angeblich wunden Punkt zu heilen.«
Emanuela war zwischen der Meinung ihrer Freundinnen und ihrer eigenen Neugier hin- und hergerissen. Jetzt musste sie erst recht dorthin. Vielleicht fand sie dabei auch gleich heraus, was sie bei Rasmus falsch gemacht hatte. Sie hatte unzählige Beziehungsratgeber und Nachschlagewerke über Männer gelesen, um eine Antwort darauf zu finden. Die war ihr das Universum bis jetzt schuldig geblieben. Sie hätte irgendwie seine schwedische Nummer herausfinden und ihn anrufen sollen. Ihn nach dem Grund fragen. Aber dazu war sie damals zu stolz gewesen.
Alexa stand auf und stapelte die schmutzigen Teller übereinander.
»Seit fünfzehn Jahren investierst du in deinen makellosen Ruf als Wissenschaftlerin, bist auf der Karriereleiter ganz oben angekommen, und dann …« Brigitta wischte Brotbrösel vom Tisch.
Emanuela stellte die leeren Salatschüsseln ineinander und folgte Alexa ins Haus. In der Küche räumte ihre Freundin das Geschirr in die Spülmaschine.
»Falls du diese Dummheit tatsächlich durchziehst, kannst du mir dann wenigstens deine Recherchenotizen für meinen Erotikthriller geben?«
Alexa fasste Emanuela an der Schulter und zwinkerte ihr zu.
»Welche Notizen?«
»Du wirst schon sehen …«
»Ich gehe ein Mal zum Coaching. Nur ein Mal. Da wird es keine Aufzeichnungen geben.«
»Im Gegenzug verschaffe ich dir Zutritt zu High-Society-Veranstaltungen.«
»Wozu?« Emanuela schüttelte den Kopf.
Alexa murmelte irgendetwas Unverständliches, schloss die Spülmaschine, und sie gingen wieder nach draußen. Brigitta hatte inzwischen den Tisch gesäubert, eine weitere Sektflasche geöffnet und für alle nachgeschenkt.
»Was du da tun willst, ist nicht gut fürs Karma.« Sie hob in einer hilflosen Geste die Hände. »Gar nicht gut fürs Karma. Aber ich habe dich gewarnt.« Sie reichte die Sektgläser an alle und hob ihres.
»Was meinst du damit?«, fragte Emanuela. »Ihr scheint ja beide schon viel mehr zu wissen als ich.«
Statt zu antworten, trank Brigitta ihr Sektglas in einem Zug aus.
Inzwischen war es dunkel geworden und die Zikaden zirpten. Alexa entzündete die Gartenfackeln, und der restliche Abend verlief feuchtfröhlich. Nach dem vierten Glas Sekt stieg Emanuela auf Leitungswasser um, da sie für die Heimfahrt fit sein wollte.

Es war weit nach Mitternacht, als sie sich von Alexa verabschiedete. Brigitta war schon früher gegangen, weil sie am nächsten Tag zeitig rausmusste. Johannes war während des ganzen Abends nicht mehr aufgetaucht. Alexa hatte mehrmals versucht, ihn anzurufen, aber er hatte nicht abgenommen.
Emanuela ging durch die dunklen Gassen der Gartensiedlung Richtung Alte Donau und dann weiter entlang des stillgelegten Flussarmes. Sie bereute nun, dass sie nicht vor Alexas Haus geparkt hatte. Außer ihr war niemand unterwegs. Bis auf gelegentliches Quaken der Enten und das Hintergrundrauschen der Stadt war es still. Der Mond, dessen bleiches Licht sich kurzzeitig einen Weg durch die Wolken bahnte, spiegelte sich im Wasser. Die Büsche und Bäume auf der Rasenfläche zwischen Gehweg und Fluss warfen gespenstische Schatten.
Emanuela hatte ein mulmiges Gefühl. Sie beschleunigte ihren Schritt. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Sie konnte nicht genau sagen, woher dieses undefinierbare Gefühl kam. Emanuela wandte sich um, konnte aber niemanden entdecken. Da hörte sie ein Geräusch. Das Knacken eines Zweiges. Ein Schauer lief über ihren Rücken. Angespannt sah sie sich um. Erstarrte. Einer der Büsche unter der Straßenlaterne bewegte sich. War da ein Schatten? Ihr Puls beschleunigte sich.
»Ist da jemand?«, rief sie.
Keine Antwort.
Sie folgte einem inneren Impuls, zog ihre High Heels aus und begann zu laufen. In der Ferne heulte eine Polizeisirene. Während sie lief, drehte sie sich noch einmal um. Ein Adrenalinstoß schoss durch ihre Adern. Im Schatten der Büsche passte sich eine dunkle Gestalt ihrer Geschwindigkeit an und folgte ihr. Der Puls donnerte in ihren Ohren. So etwas passierte doch nur in Filmen!
Emanuela rannte schneller. Warf noch einen Blick zurück. Der Schatten kam näher. Sie erhöhte weiter ihre Geschwindigkeit. Bitte, lieber Gott, flehte sie, lass mich rechtzeitig zum Auto kommen!
Nach einer scheinbaren Ewigkeit endete die Buschreihe zwischen Wasser und Gehweg, und Emanuela erreichte die Brücke. Fast da! Noch einmal wandte sie sich um, aber das Sichtfeld war durch die Wegbiegung eingeschränkt. Nur ein paar hundert Meter. Als sie den Holzsteg verließ und die Asphaltstraße entlangrannte, donnerten plötzlich Schritte hinter ihr über die Brücke. Schneller und schwerer als ihre.
Vor grenzenloser Panik holte Emanuela sämtliche Reserven aus sich heraus. Obwohl sie schon keine Luft mehr bekam, rannte sie so schnell, dass ihre Füße kaum noch den Boden berührten. Sie stolperte über die Gehsteigkante und strauchelte. Hastete die verbleibenden zwanzig Meter zum Auto. Suchte hektisch nach ihrem Schlüssel in der Handtasche. Wo war er, verdammt noch mal!
Hinter sich hörte sie das Klingeln eines Handys. Der Ton eines alten Wählscheibentelefons. Stoßweises Atmen kam mit dem Klingelton näher. Emanuela fand den Autoschlüssel. Drückte die Fernbedienung. Sprang in den Audi. In dem Moment taumelte eine dunkle Gestalt vor die Windschutzscheibe. Als sie das Gesicht erkannte, wurde ihr schwindlig. Die Panik stieg so heftig in ihr hoch, dass sie am liebsten laut geschrien hätte, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie musste hier weg! Schnell! Emanuela drehte mit zitternden Fingern die Zündung, doch das Auto sprang nicht an.

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