Eine 75-jährige erzählt von ihrem ersten sexuellen Erlebnis, VOR der Aufklärung

alte dameDies ist ein Artikel aus der Serie ‚Aus der Universität des Lebens‘.

Sie saß auf einer Parkbank und bemühte sich, ihre blond gefärbten Haare in Fasson zu bringen, doch der herankommende Sturm machte ihre Bemühungen wieder zunichte. Die Dame erhob sich und marschierte davon. Sie hatte ihr sechzigstes Lebensjahr deutlich überschritten. Mich faszinierte ihre außergewöhnlich aufrechte Körperhaltung. Als sich unsere Wege kreuzten, nickte ich zum Gruß und irgendetwas ließ mich innehalten. Es war dieser lebendige Ausdruck in ihren blassblauen Augen. Sie lächelte mich an und mir blieb nichts anderes übrig, als sie anzusprechen: „Darf ich Sie etwas fragen?“
Sie blieb stehen.
„Sie leuchten. Von innen heraus. Und das ist selten. Irgendetwas in Ihrem Leben scheinen Sie richtig gemacht zu haben“, ich lachte sie an, „…können Sie mir diesbezüglich einen Tipp geben?“
„Das höre ich öfter“, erwiderte sie und erwiderte mein Lächeln.
„Eher von Männern, oder eher von Frauen?“, fragte ich.
Sie schnaubte: „Nach einer Fünfundsiebzigjährigen dreht sich niemand mehr um. Aber Männer haben mich noch nie bemerkt. Oder besser gesagt, ich ’schaue‘ nicht.  Und in der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, ging man gleich als Flittchen durch, wenn man Männer angeschaut hat.“
Ich lächelte, um sie zu animieren, weiterzusprechen. Der Wind zerrte an unseren Jacken, als wollte er uns ausziehen. Wir gingen los. Nebeneinander.
„Das war eine andere Zeit, fuhr sie fort“, sie seufzte und schüttelte den Kopf, „wir wussten nicht einmal, woher die Kinder kamen“, sie lachte, „damals gab es kein Internet, wo wir hätten nachgucken können und sonst hat einem auch niemand was gsagt.“
„Wie habt ihr dann herausgefunden, woher die Kinder kamen?“, hakte ich nach.
Sie schüttelte wieder den Kopf: „Meinen ersten Freund hatte ich mit 16. Wenn der sich nicht so um mich bemüht hätte, wär das nix gworden, weil ich habe ja keinen Mann angschaut. Bis zum ersten Kuss hats ein halbes Jahr dauert, weil wir beide nicht wussten, ob ich davon nicht schwanger werden konnte. Eine Freundin lieh uns ein Buch, das damals scheinbar jeder zu Hause hatte, außer mein Freund und ich ‚Die Arztfibel‘, glaub ich, hieß das“, sie blickte in die Ferne.
Inzwischen hatten wir die U-Bahn erreicht, die sie scheinbar ansteuerte. Gleich würden wir uns verabschieden.
„Bei unserem ersten Mal lagen wir nebeneinander am Bett, studierten dieses Buch und gingen Schritt für Schritt vor, genau, wie es dort stand…“, sie lachte, „…das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, sie schnürte ihren Mantel enger und stellte den Kragen hoch. „Ich muss los. Hat mich gefreut“, bevor ich antworten konnte, ging sie, doch dann wandte sie sich noch einmal um: „Du leuchtest innerlich, wenn du mit dem zufrieden bist, was du hast“, sagte sie, ging die Stufen zur U-Bahn nach unten und verschwand aus meinem Sichtfeld.

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